Mann beißt in Kabel eines Game-Controllers
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Wenn digitale Technik süchtig macht

Schon kleine Kinder tun es. Erstaunlich schnell lernen sie, mit dem Finger auf ein Touchdisplay zu tippen und digitale Dinge hin und her zu wischen. Smartphones, Tablets und Computer werden von Groß und Klein genutzt und lassen sich aus dem Alltag kaum noch wegdenken. Sie verbinden uns mit dem Internet und lassen uns beim Computerspielen die Zeit vergessen. Manche Nutzerinnen und Nutzer entwickeln jedoch ein exzessives Nutzungsverhalten, das suchtähnliche Züge annimmt.

Plötzlich konnte er seinen linken Daumen kaum noch bewegen. Ein 29-Jähriger spielte seit etwa acht Wochen täglich mit der linken Hand am Smartphone, während er mit der rechten andere Dinge erledigte. Das Spielen sei eher eine Nebensache gewesen, sagte er, die er aber den ganzen Tag betrieb. Als der Daumen sich nur noch eingeschränkt bewegen ließ, begab er sich in ärztliche Behandlung. Die Diagnose: Eine gerissene Sehne.

Das Besondere an dem Fall war, dass der Betroffene keine Schmerzen während des Spielens verspürt haben soll. Erst später tat ihm der Daumen weh. Das Ärzteteam war so fasziniert von dem Fall, dass sie ihn in einem wissenschaftlichen Fachmagazin veröffentlichten und Computerspielen auf dem Smartphone sogar als mögliche Maßnahme zur Schmerzbekämpfung in Erwägung zogen.

Digitale Medien bei Jugendlichen besonders beliebt

So kurios der Fall auch sein mag, der Umgang mit digitaler Technik ist allgegenwärtig. Ob an der Bushaltestelle, im Café, beim Joggen, während des Essens oder auch mal auf dem Fahrrad, Smartphones drängen in jeden Winkel unseres Lebens. Dann sind da noch Computer, Laptops, Spielekonsolen, Tablets, Smartwatches und was sonst noch so kommen mag. Technik überall. Die digitalen Helfer sind sowohl in der Arbeitswelt fest etabliert als auch in der Freizeit gern genutzt, weil sie Spaß machen und sich viele praktische Dinge damit tun lassen.

Das fängt schon in der Kindheit an. In beinahe jedem Haushalt mit Kindern gibt es Computer oder Laptops. Acht von zehn Kinder im Alter zwischen 10 und 11 Jahren sind damit im Internet unterwegs. Unter den 12- bis 19-Jährigen können 90 Prozent der Jugendlichen im eigenen Zimmer ins Internet gehen. Was Smartphones betrifft, kann von Vollausstattung bei den Jugendlichen gesprochen werden. Bei den Internet-Anwendungen stehen YouTube, Facebook und WhatsApp ganz hoch im Kurs. 94 Prozent der Jugendlichen nutzen YouTube, 52 Prozent sogar täglich.

Oft wird das Internet zur Berieselung genutzt - wie Fernsehen also. In den meisten Fällen sind die technischen Alleskönner nur ein Mittel, um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben oder mit Freunden zu kommunizieren. Immerhin etwas mehr als durchschnittlich drei Stunden pro Tag sind Jugendliche in Deutschland online. Besonders bei Computerspielen kann die Zeit wie im Fluge vergehen, was nicht selten zu Stress mit den Eltern führt. 30 Prozent der Jugendlichen haben zumindest gelegentlich Streit mit den Eltern, weil sie zu lange Computerspiele spielen.

Verloren in der Onlinewelt

Manche junge Menschen verlieren sich aber geradezu in der Onlinewelt, wie der Fall des 21-jährigen Lukas zeigt. In einem Bericht der Berliner Zeitung wird anschaulich beschrieben, wie er immer mehr in der Spielewelt versackt ist. Mit neun Jahren fing er mit dem Computerspielen an. Mit 14 Jahren begann es, bedenkliche Ausmaße anzunehmen. Gleich nach Schulschluss setzte er sich zum Zocken an seine Spielekonsole, am liebsten Ego-Shooterspiele im Internet. Statt für die Schule zu lernen, kämpfte er lieber gegen virtuelle Gegner, manchmal bis zu 13 Stunden am Stück. „Ich dachte, wenn ich nicht spiele, verpasse ich etwas", sagt er.

Seine Schulleistungen wurden immer schlechter. Die neunte Klasse musste er wiederholen. Er aß viel zu wenig und wurde immer dünner. „Manchmal habe ich nur zwei Stullen am Tag gegessen", erzählt er. Lukas merkte irgendwann, dass es so nicht mehr weiter gehen kann und verkaufte seine Spielekonsole. Doch sobald ein neues Spiel auf dem Markt war, juckte es ihm in den Fingern. Dann kaufte er sich eine neue Konsole und geriet wieder in den Sog der virtuellen Kämpfe. Das Spielverhalten von Lukas hatte Züge angenommen, die an eine Drogensucht erinnern. Die Droge war in diesem Falle das Computerspielen.

Kriterien für süchtiges Mediennutzungsverhalten

Die Trennlinie zwischen einer normalen Techniknutzung in der Freizeit und einem krankhaften Nutzungsverhalten verläuft fließend. Expertinnen und Experten betonen, dass eine zeitintensive Auseinandersetzung mit Computerspielen nicht ungewöhnlich ist für Jugendliche. Vor allem die Jungen zocken gerne mal ein paar Stunden am Stück.

Ein gestörtes Nutzungsverhalten liegt jedoch meist dann vor, wenn das Spielverhalten zu Problemen geführt hat und dennoch weitergespielt wird. Wenn beispielsweise die Schulnoten in den Keller gerauscht sind, es ständig Ärger mit den Eltern gibt oder berufliche Pflichten vernachlässigt werden, das Spielen aber dennoch Vorrang hat, dann könnte eine Computerspielabhängigkeit vorliegen.

In der Fachwelt wird die Computerspielabhängigkeit als „internet gaming disorder" bezeichnet, so die offizielle Bezeichnung im US-amerikanischen Diagnosesystem DSM-5. Der Störung liegen neun Kriterien zugrunde, von denen fünf innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten erfüllt sein müssen (siehe Tabelle).

Kriterien der „internet gaming disorder" nach DSM-5
  1. Gedankliche Beschäftigung: „Verbringst du viel Zeit damit, an Computerspiele zu denken, auch wenn du gerade nicht spielst, oder damit zu planen, wann du wieder spielen kannst?"
  2. Entzugserscheinungen: „Fühlst du dich ruhelos, gereizt, launisch, wütend, ängstlich oder traurig, wenn du versuchst, weniger oder gar nicht zu spielen oder wenn du keine Möglichkeit zum Spielen hast?"
  3. Toleranzentwicklung: „Verspürst du ein Bedürfnis nach längeren Spielzeiten, aufregenderen Spielen oder leistungsstärkeren Geräten, um das gleiche Ausmaß an Spannung wie üblich zu erreichen?"
  4. Kontrollverlust: „Hast du das Gefühl, dass du weniger spielen solltest, schaffst es aber nicht, deine Spielzeiten zu verringern?"
  5. Verhaltensbezogene Einengung (Interessenverlust): „Verlierst du wegen deines Computerspielens Interesse an anderen Freizeitaktivitäten (Hobbys, Freunde) oder schränkst du diese ein?"
  6. Fortsetzung trotz psychosozialer Probleme: „Setzt du das Spielen fort, obwohl du dir negativer Folgen bewusst bist, wie etwa Schlafmangel, Unpünktlichkeit in der Schule/auf der Arbeit, zu hohe Geldausgaben, Streitigkeiten mit anderen oder Vernachlässigung wichtiger Pflichten?"
  7. Lügen/Verheimlichen (Täuschen anderer): Belügst du Familienmitglieder, Freunde oder andere über das Ausmaß deines Spielens, oder versuchst du, deine Spielzeiten vor Familienmitgliedern oder Freunden zu verheimlichen?"
  8. Dysfunktionale Gefühlsregulation: „Spielst du Computerspiele, um persönlichen Problemen zu entkommen oder um diese zu vergessen oder um unangenehme Gefühle wie Schuld, Angst, Hilflosigkeit oder Niederlagen zu lindern?"
  9. Gefährdung/Verluste: „Gefährdest oder verspielst du wegen deines Computerspielens wichtige Beziehungen oder Berufs-, Bildungs- oder Karrierechancen?"

 

Laut einer repräsentativen Studie sind 1,2 Prozent der Jugendlichen in Deutschland diesen offiziellen Kriterien zufolge computerspielabhängig. Weitere 3,8 Prozent erfüllen zwei bis vier Kriterien und gelten als gefährdet. Für die Internetnutzung ohne Onlinespiele wurde eine ähnliche Skala entwickelt, um süchtiges Surf-Verhalten erfassen zu können. Einer Studie zufolge gelten demnach 4 Prozent der 14- bis 16-Jährigen als internetabhängig. Hierbei spielt es keine Rolle, über welche Geräte die Computerspiele oder das Internet genutzt werden.

Oft gehen soziale Probleme bei exzessiver Mediennutzung einher

Ein problematisches Mediennutzungsverhalten ist jedoch nicht selten das einzige Problem der Betroffenen. Florian Rehbein und sein Team beschreiben den Fall eines 15-Jährigen, der sich sozial isoliert fühlte und für den der Computer „der einzige Freund" war. Der Jugendliche - nennen wir ihn Max - schilderte, dass er schon in der Grundschule von Klassenkameraden ausgegrenzt wurde und auch in der Familie keinen ausreichenden Rückhalt verspürte. Die Beziehung zu seinem Vater sei von häufigen Konflikten geprägt gewesen, bevor seine Eltern sich getrennt hatten. Irgendwann ging Max einfach nicht mehr zur Schule.

Bis zu 12 Stunden hat Max täglich Computerspiele gespielt oder Let's-Play-Videos auf YouTube geguckt, bei denen er anderen Spielerinnen und Spielern beim Spielen zugeschaut hat. Teilweise habe er bis zu drei Tage nichts gegessen, die Körperpflege vernachlässigt und alles vor sich „hinschimmeln" lassen. Doch er fühlte sich durch den Computer besser verstanden als durch seine Eltern. Erst rückblickend sei ihm klar geworden, dass er vor allem deshalb am Computer gespielt habe, um unangenehme Gedanken zu verdrängen und seine Aggressionen rauszulassen.

Der Fall des 15-jährigen Max zeigt, dass sich hinter dem exzessiven Mediennutzungsverhalten oft andere Probleme verbergen. So können Mobbingerfahrungen in der Schule, soziale Ängste und andere Probleme in Zusammenhang stehen mit einem exzessiven Mediennutzungsverhalten. „Im Computerspiel merken sie dann, dass sie Anerkennung und Respekt von den anderen bekommen. Daraus entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das motiviert viele, immer mehr zu spielen und sich dort eine virtuelle Identität aufzubauen", erklärt Janis Wlachojiannis vom Beratungsangebot „Lost in Space" im drugcom-Interview. Nicht immer ist gänzlich zu klären, ob die Probleme das exzessive Mediennutzungsverhalten antreiben oder umgekehrt. Ab einem gewissen Punkt verstärken sich der Rückzug vor den Bildschirm und die sozialen Probleme vermutlich gegenseitig.

Hilfe bei süchtigem Mediennutzungsverhalten

Entscheidend ist, dass Betroffene irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie erkennen, dass es so nicht weiter gehen kann. Max hat sich in einem Krankenhaus in stationäre Behandlung begeben. Bei seiner Aufnahme in das Krankenhaus erfüllte er alle neun Kriterien der Computerspielabhängigkeit. Inzwischen gibt es immer mehr Kliniken, die Jugendliche mit exzessivem Mediennutzungsverhalten behandeln.

Manche der Betroffenen müssen ganz auf Computerspiele verzichten, wenn das Risiko eines Rückfalls in alte Gewohnheiten hoch ist. Allerdings ist nicht in jedem Falle Abstinenz notwendig oder sinnvoll. Auf das Internet zu verzichten ist in unserem modernen Leben kaum vorstellbar. Aber das Internet-Surfen und Computerspielen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und anderen Aktivitäten im echten Leben nachzugehen, kann eine wichtige Lernaufgabe sein.

Fazit

Smartphones, Computer & Co. sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Manche Menschen sind aber gefährdet für den exzessiven Gebrauch. Stundenlanges Computerspielen oder der ständige Blick auf das Smartphone sind nicht in jedem Falle schon ein Alarmsignal. Wenn sich aber bereits Probleme eingestellt haben, wie schlechter werdende Noten, Stress mit den Eltern oder wenn der Freundeskreis überwiegend aus virtuellen Kontakten besteht, so wäre es an der Zeit, das eigene Mediennutzungsverhalten zu überprüfen. Wichtig ist, dass es auch genügend Interessen und Aktivitäten im realen Leben gibt.

Auf der Website ins-netz-gehen.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es einen Selbsttest, mit dem das eigene Mediennutzungsverhalten überprüft werden kann. Im Rahmen eines Online-Beratungsprogramms können User sich kostenlos und anonym mit ihren Fragen an einen persönlichen Coach wenden. Weitere Informationen zu Hilfe- und Beratungsangeboten werden ebenfalls bereitgehalten.

Die kostenfreie ELSA Elternberatung unterstützt zudem Eltern im Rahmen der E-Mail- und Chat-Beratung aber auch im ELSA Beratungsprogramm im Umgang mit einem problematischen Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen.

Quelle: drugcom.de

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