Suchtverhalten

rauchende junge Frau

Egal ob Alkohol, Cannabis oder Computerspiele: Eine Abhängigkeit entwickelt sich nicht von einem Tag auf den anderen. Vielmehr ist die Suchtentwicklung ein Prozess, der meist über einen längeren Zeitraum verläuft.

Aus eigener Erfahrung wissen die meisten, dass die Nutzung des Computers über mehrere Stunden am Tag nicht einfach abhängig macht. Viele kennen dieses Phänomen auch vom eigenen Alkoholkonsum. Doch in einigen Fällen entwickelt sich aus Spaß und Genuss eine Abhängigkeit. Dabei spielen sowohl biologische, psychologische als auch soziale Faktoren eine Rolle.

Wird der Prozess der Suchtentwicklung in Phasen oder Stadien betrachtet, wird deutlich, wie der Gebrauch zum Missbrauch und schließlich zu einer Abhängigkeit führen kann. In jeder Phase gibt es Risiko- und Schutzfaktoren.

Abhängigkeit: Wie entsteht eine Sucht?

  1. Kennenlernen
  2. Experimentieren
  3. Kontrollierter Konsum
  4. Problematischer Konsum
  5. Abhängigkeit

 

1. Kennenlernen

Viele Menschen kommen im Jugendalter erstmals mit Drogen in Berührung. Das unmittelbare soziale Umfeld wie Freunde und Familie aber auch die gesellschaftlichen und medialen Einflüsse spielen hierbei eine wichtige Rolle. Jugendliche treffen – bewusst oder unbewusst – eine Entscheidung: Soll ich dieses Mittel jetzt probieren? Warum sollte ich es nicht probieren?

Die Funktion, die dieses Ausprobieren hat, liegt in der Befriedigung der Neugierde und auch dem Mitmachen in der Gruppe. Einige Jugendliche entscheiden sich, ein Mittel öfter zu probieren, andere probieren es einmalig, aber beenden den Konsum danach.

 

2. Experimentieren

Nach dem Kennenlernen folgt die Experimentierphase: mehr konsumieren, eigene Vorlieben entdecken, Grenzen abtasten. Umbauprozesse im Gehirn führen in der Pubertät zu einer hohen Impulsivität, einem stark ausgeprägtem Neugierverhalten und einer erhöhten Risikobereitschaft von Jugendlichen.  Das begünstigt sowohl das Probierverhalten, bspw. den Erstkonsum, als auch ein riskantes oder exzessives Konsumverhalten in der Pubertät.

Die Risiken des experimentellen Konsums hängen stark von der jeweils konsumierten Substanz bzw. dem Ausmaß des Konsumverhaltens ab. Auch ein früher Erstkonsum kann ein besonderer Risikofaktor sein. Zudem kann die individuelle genetische Veranlagung Einfluss auf die Wirkweise von Substanzen und auf die Neigung zum Substanzkonsum haben.

 

3. Kontrollierter Konsum

Das Experimentieren ist meist vorübergehend. Einige beenden nach einer Phase des Experimentierens den Konsum  - insbesondere von Substanzen, die unerwünschte Nebeneffekte haben und/oder die gesellschaftlich weniger akzeptiert sind. Die meisten finden im Laufe der Zeit ein  Konsumverhalten, das mit dem eigenen Wohlergehen und den Anforderungen des Alltags vereinbar ist. Beispiel: risikoarmer Alkoholkonsum

Der Substanzkonsum wird womöglich zur Gewohnheit: Es ist keine bewusste Entscheidung mehr, in bestimmten Momenten zu konsumieren, sondern es gehört zum Alltag dazu. Immer geht mit dem Substanzkonsum deshalb ein gewisses Risiko einher: Ohne es zu merken konsumiert man mehr als gewollt, öfter oder aus anderen Gründen.

 

4. Problematischer Konsum

Mitunter gewinnen die Substanzen oder das Konsumverhalten eine wichtige Funktion im Leben. Wenn Substanzen oder auch bestimmte Verhaltensweisen immer häufiger oder gezielt eingesetzt werden, bspw. um persönliche Probleme auszublenden, ist von einem problematischen Konsum auszugehen. Mitunter tritt ein problematischer Konsum auch phasenweise z.B. in Zeiten von Trauer, Konflikten oder Stress auf.

Eindeutige Signale für einen problematischen Konsum gibt es leider nicht. Folgende Verhaltensänderungen können jedoch einen Hinweis auf einen problematischen Alkohol-, Drogen- oder Medienkonsum (z.B. Computerspielsucht, Onlinesucht) bei Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter geben:

  • Auffallende Veränderungen im Verhalten, der Kleidung, des Musikgeschmacks, der Freunde, im Ausgehverhalten, in den Schulleistungen
  • Soziale Isolierung / Verlust von Freunden
  • Unzuverlässigkeit (bei Verabredungen)
  • Kein Interesse am Umfeld
  • Schlechter Kontakt zu Eltern und Lehrern
  • Niedergeschlagenheit / passives Verhalten
  • Häufiges Zuspätkommen / Schulversäumnisse
  • Häufiges Sprechen über die Droge und deren Konsum
  • Finanzielle Schwierigkeiten / Geld leihen
  • Konzentrationsprobleme

Insbesondere in der Pubertät ist mit einigen der genannten Verhaltensänderungen zu rechnen - ohne dass zwangsläufig ein problematisches Konsumverhalten vorliegt! Ist jedoch für Sie als Ursache ein (zunehmender) Substanzkonsum oder bspw. die zunehmende Mediennutzung auszumachen, sollten Sie das Thema unbedingt offen mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter besprechen.

Womöglich zeigen sich in dieser Phase auch Symptome einer Abhängigkeit, wie bspw. ein Kontrollverlust, eine Toleranzentwicklung oder die Vernachlässigung anderer Interessen. Führt das Konsumverhalten tatsächlich zu einer Schädigung der psychischen oder physischen Gesundheit liegt nach medizinischen Kriterien ein schädlicher Substanzkonsum (Missbrauch) vor.

 

5. Abhängigkeit

Wird das Konsumverhalten trotz negativer Konsequenzen aufrechterhalten, ist dies ein starkes Indiz für eine Abhängigkeit. In der Medizin gibt es klare Kriterien für die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung. Drei der sechs Punkte müssen dafür über einen Zeitraum von einem Jahr erfüllt sein:

  1. Starker Wunsch oder eine Art innerer Zwang eine Substanz zu konsumieren
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit bzgl. Beginn, Beendigung und Menge des Substanzkonsums
  3. Körperliche Entzugssymptome bei Beendigung oder Reduktion des Konsums
  4. Toleranzentwicklung (d.h. eine Dosiserhöhung ist notwendig, um die gewünschte Wirkung zu erreichen)
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand für Substanzbeschaffung und -konsum oder um sich von Konsumfolgen zu erholen
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis schädlicher Folgen (körperlich oder psychisch)

Häufig wird unterschieden zwischen einer körperlichen und einer psychischen Abhängigkeit. Während eine körperliche Abhängigkeit zu lebensbedrohlichen Entzugserscheinungen führen kann ist sie vergleichsweise gut medikamentös zu behandeln. In der Regel ist die psychische Abhängigkeit also wesentlich schwieriger zu überwinden als die körperliche Abhängigkeit.

 

Fazit: Was kann ich als Elternteil tun?

Bei Jugendlichen ist es besonders schwierig, ein mitunter exzessives Probierverhalten, von einem missbräuchlichen oder schädlichen Verhalten zu unterschieden. Besonders wichtig ist es, mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter im Gespräch zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Beobachten Sie die Lebenssituation Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes: Welchen Stellenwert hat das problematische Verhalten? Gibt es negative Veränderungen im schulischen Bereich, im Freundeskreis oder bei Freizeitaktivitäten?

Nutzen Sie das ELSA Beratungsprogramm um zu lernen, wie Sie angemessen mit der Situation umgehen können. Auch bei konkreten Fragen zum Substanzkonsum oder problematischen Medienkonsum Ihres Kindes beraten wir Sie kostenfrei und anonym.

Informationen und Hilfemöglichkeiten für Eltern und Angehörige gibt es auch in Drogen- oder Erziehungsberatungsstellen vor Ort. Für Suchtbetroffene gibt es zudem kostenfreie und anonyme Beratungsangebote im Internet.

 

Quellenangabe

Angelehnt an: Koordinationsstelle Sucht des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (2010). Hilfe, mein Kind pubertiert! Rauschmittelkonsum im Jugendalter und andere Herausforderungen. Leitfaden einer Seminarreihe für Eltern. Münster: Koordinationsstelle Sucht des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).

Übernommen mit freundlicher Genehmigung des LWL


BZgA (2016). Der Alkoholkonsum von Jugendlichen als Herausforderung für die pädagogische Arbeit. Eine Arbeitshilfe für drugcom.de. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (Hrsg.) (2016). Ein Angebot an alle, die einem nahestehenden Menschen helfen möchten: Alkohol, Medikamente, Tabak, illegale Drogen, süchtiges Verhalten.

Lesch, O. & Walter, H. (2009). Alkohol und Tabak - Medizinische und Soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit. Wien, New York: Springer

Walsh, D. (2004). Why Do They Act That Way? A Survival Guide to the Adolescent Brain for You and Your Teen. New York: Free Press.

Erwachsenen wird empfohlen, nicht mehr als ein Standardglas (Frauen) bzw. zwei Standardgläser (Männer) Alkohol an maximal 5 Tagen in der Woche zu trinken. Ein Standardglas entspricht 0,25 l Bier oder 0,1 l Wein und enthält zwischen 10 und 12 g reinen Alkohol.

Im Alter zwischen 18 und 20 Jahren sollte der Alkoholkonsum jedoch deutlich unter den genannten Werten liegen, da die körperliche Entwicklung noch nicht vollständig abgeschlossen ist.

Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahre können ab und zu etwas Alkohol zu trinken - starker, häufiger oder sogar täglicher Alkoholkonsum ist aber ein Warnsignal für einen problematischen Konsum! Wenn Jugendliche dieser Altersgruppe Alkohol trinken, sollten sie nicht mehr als ein Standardglas trinken und das auch nur maximal einmal pro Woche.